IV.
Expansion und Rückzug
Mit Gustav Körte (1852–1917) wurde 1907 einer der prominentesten und dynamischsten Archäologen seiner Zeit auf den Göttinger Lehrstuhl berufen. Er war weitgereist und verfügte über beste Kontakte in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Er war ein typischer Vertreter der archäologischen Großforschung im Zeitalter Wilhelms II.
1912 war Körte maßgeblich an der Planung eines neuen Seminargebäudes beteiligt, in dem das Archäologische Institut und seine Sammlungen den meisten Raum erhielten.
Dank einer großzügigen Spende konnte Körte 1912 die Sammlung der Gipsabgüsse stark erweitern. Als führender Etrusker-Experte seiner Generation tätigte er auch wichtige Neuerwerbungen etruskischer Werke für die Originalsammlung.
Nach Körtes unerwartetem Tod 1917 folgte ihm mit Hermann Thiersch (1874–1939) ein ganz anders veranlagter, eher introvertierter Gelehrter. Auch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg trugen dazu bei, dass die Sammlungen nur noch in bescheidenerem Maße wuchsen. Unter den nicht sehr zahlreichen Neuerwerbungen aus der Ära Thiersch ragen Abgüsse archaischer Skulpturen aus Griechenland hervor.
Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sah sich Thiersch zunehmendem politischen Druck ausgesetzt und zog sich mehr und mehr in die ‚innere Emigration‘ zurück.
Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern von Körte und Thiersch sind zwei Persönlichkeiten besonders hervorzuheben: Paul Jacobsthal (1880–1957), der 1912 ein grundlegendes Werk über die Göttinger Vasensammlung veröffentlichte, und Kurt Müller (1880–1972), der sich von 1912 bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unermüdlich für das Göttinger Institut und seine Sammlungen einsetzte.
Die Körte-Spende und der Ausbau der Gipssammlung
Zum 60. Geburtstag empfing Gustav Körte 1912 eine beträchtliche Geldspende von Schülern und Freunden, zu denen auch die Industriellenfamilie Krupp gehörte. Mit ihr war Körte seit seiner Kindheit eng verbunden, besonders mir Friedrich Alfred Krupp, der im Jahre 1900 die Ausgrabungen Gustav und Alfred Körtes im kleinasiatischen Gordion, der Hauptstadt Phrygiens, finanzierte.
Körte stellte die Spende der Universität zur Verfügung, unter der Bedingung, dass die Summe aus öffentlichen Mitteln verdoppelt werde. Der Antrag wurde bewilligt, und so konnte die Sammlung der Gipsabgüsse im großen Stil erweitert werden – gleich nach Eröffnung des neuen Institutsgebäudes am Nikolausberger Weg mit seinen großzügig geplanten Schauräumen.
Rekonstruktion des Ostgiebels des Aphaiatempels
Rekonstruktion nach Furtwängler Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Trotz der großen Bedeutung der Giebelfiguren des Aphaiatempels von Aegina für die griechische Stilgeschichte besaß die Göttinger Sammlung bis 1913 keinen einzigen Abguss dieser Skulpturen. Aus der Körte-Spende wurden neben dem Kopf der Athena sieben Statuen und drei weitere Köpfe sowie
Miniaturmodelle beider Giebel erworben.
Abguss des Herakles
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 84
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss des sog. Rechten Helfers
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 88
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss eines sterbenden Kriegers (sog. Laomedon)
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 85
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Rekonstruktion des Westgiebels des Aphaiatempels
Rekonstruktion nach Furtwängler Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss der Athena
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 74
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss eines Kämpfers
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 76
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss eines Bogenschützen
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 81
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss eines sterbenden Kriegers
Original in München, Glyptothek, Inv. Nr. 79
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abgüsse der Olympiaskulpturen
Aus den Mitteln der sog. Körte-Spende konnten 1912 Abgüsse zahlreicher Skulpturen vom Zeustempel in Olympia erworben werden. Sie waren bei den deutschen Ausgrabungen 1875 dort gefunden worden, galten aber lange Zeit als künstlerisch zweitrangig. Erst um 1900 erkannte man ihren Wert als herausragende Zeugnisse des sog. Strengen Stils der griechischen Plastik in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr.
Abguss des Apollonkopfes vom Zeustempel
Um 460 v. Chr.
Erworben 1912 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss des Apollon vom Zeustempel
Um 460 v. Chr.
Erworben 1912 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Die reichlichen Mittel der Körte-Spende erlaubten den An-kauf von Abgüssen umfangreicher Komplexe griechischer Bauplastik, darunter auch größerer Teile beider Giebel des Zeustempels von Olympia, besonders der monumentalen Mittelfiguren. Stellvertretend dafür steht hier der Kopf des Apollon, der zusätzlich zur ganzen Figur erworben wurde. Nur so kann die für Skulpturen des 5. Jahrhunderts v. Chr. bemerkenswerte Tatsache beobachtet werden, dass der Bildhauer auf die Ausarbeitung der nicht sichtbaren Teile des Hinterkopfes verzichtet hat.
Abguss des Zeus
Original in Olympia, Archäologisches Museum
Um 460 v. Chr.
Erworben 1912 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss der Hippodameia
Original in Olympia, Archäologisches Museum
Um 460 v. Chr.
Erworben 1912 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Friedrich Wieseler hatte schon 1877 die Figur des „Alten Sehers“ aus dem Ostgiebel und verschiedene Köpfe für die Göttinger Abguss-Sammlung erworben. Die monumentalen Mittelfiguren der beiden Giebel hingegen – im Westen Apollon, im Osten Zeus und Hippodameia – konnten erst angekauft werden, nachdem mit der Eröffnung des neuen Institutsgebäudes am Nikolausberger Weg ausreichend hohe und geräumige Ausstellungssäle zur Verfügung standen.
Abguss eines sitzenden Greises
Original in Olympia, Archäologisches Museum
Um 460 v. Chr.
Erworben 1877 aus Berlin
Abgüsse der Parthenonskulpturen
Abguss der ‚Iris‘
Original in London, British Museum
Um 439 – 433 v. Chr.
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Abguss der ‚Laufenden Iris‘
Original in London, British Museum
Um 439 – 433 v. Chr.
Erworben 1913 aus Berlin aus Mitteln der Körte-Spende
Gustav Körte und die Etrusker
Gustav Körte war der führende Etrusker-Experte seiner Generation in Deutschland. Neben vielen Einzelstudien veröffentlichte er die abschließenden Bände von zwei umfangreichen Sammelwerken, die bereits lange vor ihm begonnen worden waren: die „Reliefs der etruskischen Graburnen“ seines Lehrers Heinrich Brunn und die „Etruskischen Spiegel“ von Eduard Gerhard. Von Gerhard hatte bereits Wieseler einige Spiegel für die Göttinger Sammlung erhalten.
Durch Körte gelangten weitere etruskischen Objekte nach Göttingen, vor allem als Geschenke des Sammlers und Mäzens Johannes Freiherr von Diergardt. Dazu gehört ein bedeutender Fund von Bronzestatuetten etruskischer Priester aus einem Heiligtum in der Gegend von Siena.
Vier etruskische Bronzestatuetten
Aufgrund ihrer spitzen Hüte werden die Figuren als Haruspices, etruskische Orakelpriester, gedeutet, die aus der genauen Betrachtung der Eingeweide von Opfertieren, besonders der Leber, weissagten.
Rundplastische Darstellungen etruskischer Priester sind äußerst selten. Das macht die Göttinger Statuetten besonders wertvoll. Die größte und am besten erhaltene unter ihnen zeigt auch eingepunzte etruskische Inschriften.
Etruskischer Bronzespiegel
Etruskische Spiegel, Fünfter Band
Etruskischer Spiegel
Etruskischer Spiegel
Koren aus Athen 1923
Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts verloren Gipsabgüsse in der Öffentlichkeit, aber auch in der Archäologie mehr und mehr an Ansehen. Unter dem neuen Leitbegriff der ‚Materialgerechtigkeit‘ wurde der Gips als schäbig und unecht abgewertet und dem originalen Marmor der Vorzug gegeben. Diese Entwicklung gipfelte in der Zerstörung vieler wichtiger Abgusssammlungen im Laufe des 20. Jahrhunderts.
Göttingen blieb davon verschont. Trotz schwieriger Finanzlage nach dem Ersten Weltkrieg bemühte sich Hermann Thiersch um die Erweiterung der Sammlung. 1923 konnte er aus Athen mehrere Mädchenfiguren (Koren) aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. im Abguss erwerben. Die früher kaum bekannte und dann erst ganz allmählich verstandene griechische Skulptur der archaischen Epoche rückte in den 1920er Jahren ins Zentrum der archäologischen Forschung.
Abguss einer Kore von der Athener Akropolis
Abguss der Peploskore
Abguss der Kore des Euthydikos
Ausgrabungsfunde aus Larisa
Der Archäologe Johannes Boehlau (1861–1941), Direktor des Museum Fridericianum in Kassel, führte 1902 zusammen mit schwedischen Kollegen Aus-grabungen in der frühgriechischen Palastanlage von Larisa am Hermos an der türkischen Westküste durch. Wie damals im Osmanischen Reich noch üblich, wurde den beiden Ausgräbern ein Teil der Fundobjekte übereignet.
Nach seiner Pensionierung übersiedelte Boehlau 1931 nach Göttingen. Sein wissenschaftlicher Nachlass, ein-schließlich der Funde aus seinen Grabungen in Larisa und in Pyrrha auf Lesbos (1907), ging in den Besitz des Göttinger Archäologischen Instituts über. Durch die sehr detaillierte Funddokumentation sind diese Materialien eine wichtige Quelle insbesondere zur Erforschung der ostgriechischen Keramik des 7. und 6. Jahrhunderts vor Chr.
Kleiner zweihenkliger Kessel
Fragment einer Kanne
Halsfragment einer dunkelgrundigen Kanne
Fragment eines Skyphoskraters
Grabungsunterlagen der Larisa-Grabung aus dem Nachlass Johannes Boehlaus
Kurt Müllers Forschungen in Tiryns
Kurt Müller (1880–1972) hat sich während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit am Göttinger Archäologischen Institut in besonderer Weise um die Sammlungen verdient gemacht. So führte er das Inventar der Gipsabgüsse und bereicherte die Original-Sammlung um wichtige Scherbenfunde aus Griechenland. Müllers besonderes Interesse galt der mykenischen Epoche. Er arbeitete vor allem in Mykenes Nachbarstadt Tiryns, wo bereits Heinrich Schliemann seit 1876 intensiv gegraben hatte und später vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) systematische Forschungen begonnen wurden, die bis heute andauern. Müller leitete 1909–1913 die Grabung und verfasste mehrere Bände der großen Tiryns-Publikation des DAI, darunter Band 3: Die Architektur der Burg und des Palastes (1930).


















