I.
Wie alles begann
1763 wurde Christian Gottlob Heyne (1729–1812) auf den Lehrstuhl für „Poesie und Beredsamkeit“ an die Universität Göttingen berufen. Sein Organisationstalent machte ihn rasch zu einem ihrer einflussreichsten Professoren, der die Geschicke der noch jungen Universität in den folgenden 50 Jahren entscheidend mitbestimmen sollte.
Wissenschaftlich bemühte Heyne sich um ein ganzheitliches historisches Verständnis der antiken Kulturen. Aufmerksam verfolgte er das Wirken Johann Joachim Winckelmanns in Rom, dessen „Geschichte der Kunst des Alterthums“ (1764) das Antikenstudium revolutionierte. Wie Winckelmann sah Heyne die Beschäftigung mit der Kunst der Griechen als wichtigste Aufgabe der Archäologie. Dafür gab es an den Universitäten noch kein Lehrangebot. Diese Lücke füllte Heyne mit seiner seit 1767 regelmäßig abgehaltenen Göttinger Archäologie-Vorlesung.
Bereits 1763 hatte Heyne mit der Erwerbung archäologischen Anschauungsmaterials begonnen, zunächst in Form von Gemmen-Abdrücken, seit 1765 auch in Form großformatiger Gipsabgüsse. Er ließ sie in der Universitätsbibliothek aufstellen, deren Direktor er war, um damit den Schönheitssinn der Studenten anzuregen. Am Ende seiner langen Amtszeit verteilten sich über 70 Abgüsse antiker Statuen und Büsten über die gesamten Bibliotheksräume.
1773 wurde auf Heynes Betreiben das umfangreiche Kunst- und Naturalienkabinett des Göttinger Professors Christian Wilhelm Büttner für die Universität erworben, Grundstock für das berühmte „Königlich Academische Museum“. Dazu gehörte auch eine große Münzsammlung, die in den folgenden Jahren vor allem durch Geschenke des deutsch-russischen Barons von Asch stark vermehrt werden konnte.
Erwerbung Nr. 1: Die Lippert‘sche Daktyliothek
Dactyliotheca Universalis
Dactyliothecae universalis signorum exemplis nitidis redditae chilias altera quae et scrinium milliarium secundum
Leipzig 1756, Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 4 ARCH III, 3165
Antike und neuzeitliche Gemmen; Karneol in moderner Ringfassung
Gemmen wurden in Ringen getragen und bestanden aus verschiedenen Steinsorten oder Glas. Oft ist das Motiv im Negativ und wegen Äderungen im Stein nur schwer erkennbar. Ein Abdruck macht die Bilder oft deutlicher sichtbar. Für das neuzeitliche Gemmenstudium waren
Abdrücke daher unentbehrlich.
Heynes Archäologie-Vorlesung
Einleitung in das Studium der Antike, oder Grundriß einer Anführung zur Kenntniß der alten Kunstwerke
Die schmale Broschüre ist die einzige von Heyne selbst publizierte Fassung seiner Archäologie-Vorlesung. Sie gibt eine stichpunktartige Übersicht über die Gliederung des Stoffes und diente wohl auch als Werbeschrift zu der Veranstaltung, für die eine relativ hohe Teilnahmegebühr zu entrichten war.
Einleitung ins Studium der Antike, vorgetragen von Chr. Gottl. Heyne, Göttingen im Sommer 1803
Die Mitschriften seiner Studenten sind heute die wichtigste Quelle zu Heynes Archäologie-Vorlesung. Sie geben Aufschluss darüber, dass er den Fokus auf noch vorhandene antike Kunstwerke und Kunstsammlungen legte, um seine Hörer auf ihre Bildungsreisen vorzubereiten. Bloß schriftlich überlieferte Werke treten demgegenüber in den Hintergrund.
Allerdings spielen auch die Stilepoche, die J. J. Winckelmann in seiner „Geschichte der Kunst“ definiert hatte, in Heynes Vorlesung kaum eine Rolle. Die Kunstwerke werden nach inhaltlichen Gesichtspunkten geordnet.
„Gypsköpfe u. Büsten auf der Bibl[iothek]“
Die Sammlung Büttner und die Gründung des Münzkabinetts
1773 konnten für die Universität die umfangreichen Sammlungen des Göttinger Professors Christian Wilhelm Büttner (1716–1801) erworben werden. Unter der Bezeichnung „Königlich Academisches Museum“ wurden sie zu einer öffentlich zugänglichen Einrichtung und damit Vorbild für viele spätere Universitätsmuseen. Neben Tausenden von vorwiegend naturkundlichen Objekten hatte Büttner auch eine Vielzahl von Münzen und Medaillen gesammelt. Für deren Aufbewahrung ließ Heyne zwei große eicherne Münzschränke anfertigen und im Academischen Museum aufstellen – Grundstock des heutigen Münzkabinetts.
Römische Silberdenare aus der Sammlung Büttner
Anders als für die naturkundlichen Gegenstände gibt es für die Münzen der Sammlung Büttner kein zeitgenössisches Inventar. Es existiert nur eine kurze Liste, mit der sich lediglich einige wenige Stücke sicher identifizieren lassen, darunter eine Reihe von römischen Goldmünzen. Fast 200 Silberdenare aus der Zeit der römischen Republik wurden von Heyne 1777/78 in drei lateinischen Abhandlungen veröffentlicht.
Spanische und portugiesische Münzen aus der Sammlung Büttner
Die russischen Schenkungen des Barons von Asch
Silberner Rubel Iwans VI., St. Petersburg, 1741
Kupferne Bartmarke Peters des Großen, 1705
Medaille auf Baron von Asch in Silber und Kupfer sowie eiserner Prägestempel für die Vorderseite, 1781
Auswahl von orientalischen Münzen
Bildnis des Kaisers Titus
Bildnis des Kaisers Vitellius
In der frühen Neuzeit waren Galerien der ersten zwölf römischen ‚Caesaren‘ von Julius Caesar († 44 v. Chr.) bis Domitian († 96 n. Chr.) sehr beliebt, deren Leben der antike Historiker Sueton in effektvoller Weise geschildert hatte. Auch ein Kaiser wie Vitellius, der 69 n. Chr. nur wenige Monate regierte, durfte in der Reihe nicht fehlen.
Bildnis des Lucius Cornelius Sulla
Bildnis des Kaisers Galba
Galba war einer der drei Kaiser des Jahres 68/69 n. Chr., die sich nach dem Tod des Nero um die Macht stritten und nach wenigen Monaten ermordet wurden. Er berief sich auf altrömische Werte und wurde in der Portraitgalerie aus Herrenhausen als hagerer Greis darstellen. Als Vorlage für diese barocke Portraitschöpfung dienten wohl Münzbilder des Galba.
Johann Joachim Winckelmann
Original aus Marmor; Gotha, Schloss Friedenstein, Abguss von Heyne 1785 für die Göttinger Universitätsbibliothek erworben.
Winckelmann (1717–1768) lebte seit 1755 in Rom. Dort verfasste er sein Hauptwerk, die „Geschichte der Kunst des Altertums“ (1764). Mit seiner geschichtlichen Darstellung der Kunstentwicklung legte er die Grundlagen für die späteren Fächer Kunstgeschichte und Klassische Archäologie. Winckelmann stand mit Christian Gottlob Heyne in Göttingen in Briefkontakt und regte diesen zu seiner Archäologie-Vorlesung an. Zu Heynes frühen Erwerbungen von Gipsabgüssen zum Schmuck der Universitätsbibliothek gehörte auch dieser Abguss der Büste Winckelmanns.
Christian Gottlob Heyne
Heyne (1729–1812) war seit 1763 Professor für „Poesie und Beredsamkeit“ und Direktor des Philologischen Seminars an der Universität Göttingen. Zugleich war er Leiter der Universitätsbibliothek und Sekretär der heutigen Akademie der Wissenschaften. Er hatte großen Einfluss auf die Göttinger Universitätspolitik. Mit seiner von 1767 bis 1804 fast in jedem Sommersemester gehaltenen Vorlesung über die Archäologie wurde er zum Begründer dieses Universitätsfaches. Das Bildnis zeigt den schon siebzigjährigen Gelehrten nach der Mode der Zeit in antiker Manier mit vollem, in die Stirn gekämmten Haupthaar und ohne Gewandung.