III.

Die Sammlung als Institution

Das Archäologisch-Numismatische Institut unter Friedrich Wieseler und Karl Dilthey
Friedrich Wieseler, Stich von Friedrich Spangenberg, um 1845
Friedrich Wieseler, Stich von Friedrich Spangenberg, um 1845

Während Karl Otfried Müllers großer Reise 1839/40 hielt sein Mitarbeiter Friedrich Wieseler (1811–1892) die archäologische Vorlesung. Der junge Privatdozent nutzte die Chance und ließ sich auch mit der Verwaltung des Antikensaals betrauen. Dieses Amt verteidigte er zäh, auch nachdem mit Karl Friedrich Hermann (1804–1855) ein Nachfolger auf Müllers Lehrstuhl berufen worden war. Herrmann setzte sich vor allem für den Ausbau der Münzsammlung ein. Gemeinsam mit Wieseler erreichte er 1842 die Ausgliederung aller archäologischen Sammlungen aus der Bibliothek und die Gründung eines eigenständigen „Archäologisch-Numismatischen Instituts“. Im gleichen Jahr erhielt Wieseler eine eigene Professur, die – erstmals in Deutschland – ausschließlich der Archäologie gewidmet war.
1844 musste der Antikensaal in der Paulinerkirche für die Bibliothek geräumt werden. Die Gipssammlung fand im Erdgeschoss des Aulagebäudes am Wilhelmsplatz ein neues Domizil. 1848 wurden auch die Originalsammlung und das Münzkabinett dorthin verlagert.
Alle drei Sammlungsteile wurden unter Wieselers Leitung außerordentlich stark vermehrt. Er knüpfte europaweit Kontakte, unternahm weite Reisen und zeigte sich aufgeschlossen für das Konzept einer „vergleichenden Archäologie“, in die er auch ägyptische, orientalische und prähistorische Sammlungsobjekte einbezog.
Im Alter gab Wieseler nur sehr widerwillig und schrittweise die Verantwortung für die Sammlungen an seinen Nachfolger auf dem archäologischen Lehrstuhl, Karl Dilthey (1839–1907), ab. Obwohl eigentlich Philologe und wissenschaftlich wenig produktiv, bemühte Dilthey sich sehr um die archäologischen Sammlungen. Häufig reiste er nach Italien und erwarb dort zahlreiche Originalobjekte, vor allem Vasen und Vasenfragmente.

Die Kataloge des Archäologisch-Numismatischen Instituts

Nach Müllers plötzlichem Tod verstand es der junge Privatdozent Friedrich Wieseler sehr geschickt, die verwaisten archäologischen Sammlungen fest im Universitätsbetrieb zu verankern und zielstrebig auszubauen. Er nutzte dies auch für seine persönliche Karriere, die 1854 in der Ernennung zum Ordinarius gipfelte. Zusammen mit seinem Amtskollegen Karl Friedrich Herrmann bemühte er sich nicht nur um die Vermeh-rung der drei Sammlungen, sondern auch um deren Katalogisierung. Zunächst wurde 1851 von ihrem Schüler Karl Gustav Schmidt die Münzsammlung inventarisiert. Gegen Ende von Wieselers Amtszeit erschien 1887 ein gedruckter Katalog der Original-sammlung. Für die Gipssammlung aber folgte ein solcher erst ein Jahrhundert später.
Georg Hubo

Originalwerke in der archäologischen Abteilung des archäologisch-numismatischen Institutes der Georg-Augusts-Universität

Göttingen 1887
Zu den zahlreichen Schülern Wieselers gehörte auch Georg Hubo. Anlässlich des 50. Doktorjubiläums seines Lehrers veröffentlichte er 1887 einen Katalog der archäologischen Originalsammlung, den er zusammen mit studentischen Mitgliedern des Archäologischen Seminars verfasste. Der Katalog entsprach zwar schon zur Zeit des Erschei-nens nicht dem aktuellen Stand der archäologischen Forschung, ist aber als vollständiges Verzeichnis des damaligen Bestandes der Original-sammlung noch heute ein unentbehrliches Hilfsmittel. Er umfasst 1554 Nummern und ist vor allem wegen der genau verzeichneten Herkunftsangaben wertvoll.

Manuskript zum Katalog der Originalsammlung

Das Manuskript zeigt die Handschrift der einzelnen studentischen Bearbeiter und Hubos (wissenschaftlich nicht immer überzeugende) Korrekturen. Jeder Mitarbeiter war für eine Materialgattung zuständig. Der gedruckte Katalog wurde hingegen nach Kulturkreisen gegliedert: ägyptische, vorderasiatische, griechische, etruskische, römische und prähistorische Objekte.
Karl Gustav Schmidt

Katalog der antiken und modernen Münzen im Archäologisch-Numismatischen Institut, Band 1–4

1851 wurde der junge Gymnasiallehrer Karl Gustav Schmidt (1829–1892) mit der Inventarisierung der Göttinger Münzsammlung beauftragt. In weniger als acht Monaten bestimmte und verzeichnete er mit großer Kennerschaft über 10.000 Münzen und Medaillen, von der griechischen Antike bis ins späte 18. Jahrhundert. Bis 1865 versah er das Inventar mit Nachträgen für die in diesen Jahren sehr zahlreichen Neuerwerbungen. Gezeigt wird hier Band 4, beginnend mit den Münzen aus Spanien und Portugal; einige davon sind ausgestellt in der Vitrine zur Gründung der Münzsammlung.

Der Hildesheimer Silberfund

1868 wurde in Hildesheim, weit nördlich der Grenzen des Imperium Romanum, einer der größten Silberschätze römischer Zeit entdeckt. Friedrich Wieseler war der erste Gelehrte, der den Schatz besichtigte – nur acht Tage nach der Auffindung. Noch im gleichen Jahr publizierte er den Fund.

Für die Göttinger Sammlung wurden Gipsabgüsse von über 30 Gefäßen erworben. 1904 schenkte Wieselers Witwe dem Archäologischen Institut metallene Nach-bildungen von sechs Hauptstücken aus dem Nachlass ihres Mannes, hergestellt von der Pariser Silberwaren-
firma Christofle, die seit 1870 hervorragende Kopien des Schatzes im galvanoplastischen Verfahren produzierte. Dazu werden Abformungen in einem Metallbad mithilfe elektrischen Stroms hauchdünn versilbert und vergoldet.

Athena-Schale

Galvanoplastische Nachbildung des Originals aus teilweise vergoldetem Silber, M. M. Christofle & Cie, Paris, um 1870
Original in Berlin, Antikensammlung, 30 v. Chr. – 10 n. Chr.

Die Athena-Schale ist das prachtvollste Stück des Schatzes.
Während andere Stücke Spuren realer Benutzung als Trink-gefäße aufweisen, diente diese Schale wohl als reines Ziergefäß. Sie ist aus acht getrennt gegossenen Teilen zusammengesetzt.

Die gewappnete Göttin sitzt auf einem Felsen und stützt sich auf einen Rundschild. Der Gegenstand in ihrer rechten Hand konnte bisher nicht gedeutet werden. Auf dem Felsen links sitzt eine kleine Eule, das heilige Tier der Athena.

Herakles-Schale

Galvanoplastische Nachbildung des Originals aus teilweise vergoldetem Silber, M. M. Christofle & Cie, Paris, um 1870
Original in Berlin, Antikensammlung, 30 v. Chr. – 10 n. Chr.

Das Relief im Zentrum des Schalenrunds ist in Treibarbeit aus Silberblech hergestellt. Es zeigt den kleinen Herakles, wie er zwei Schlangen erwürgt. Die eifersüchtige Göttin Hera hatte sie ihm ins Kinderbett gesandt, um ihn als unehelichen Sohn ihres Gatten Zeus zu töten.

Kybele-Schale

Galvanoplastische Nachbildung des Originals aus teilweise vergoldetem Silber, M. M. Christofle & Cie, Paris, um 1870
Original in Berlin, Antikensammlung, 30 v. Chr. – 10 n. Chr.

Das in Treibarbeit hergestellte Büste zeigt die klein-asiatische Göttin Kybele mit einer Mauerkrone auf dem Kopf. Sie kennzeichnet sie als stadtbeschützende Gottheit.
Ein hier nicht ausgestelltes Gegenstück zeigt im Zentrum die Büste des Attis, des jugendlichen Geliebten der Kybele, mit phrygischer Mütze. Paare und größere Sets von gleichartigen Gefäßen kommen in römischen Silberschätzen häufig vor.

Die Sammlung Fontana und der Ausbau der Vasensammlung

1887 kaufte der preußische Staat eine umfangreiche Privatsammlung von antiken Vasen, die der kunst-sinnige Kaufmann Carlo d’Ottavio Fontana (1774–1832) Anfang des 19. Jahrhunderts in Triest angelegt hatte. Sie wurden zwischen dem Museum in Berlin und den Universitäten Bonn, Breslau und Göttingen aufgeteilt. Göttingen erhielt 73 Gefäße. Die Vasenbestände des Göttinger Instituts vervielfachten sich dadurch auf einen Schlag.
Größtenteils stammen die Gefäße aus Apulien im Südosten Italiens. Ihr guter Erhaltungszustand deutet darauf hin, dass sie wahrscheinlich als Grabbeigaben dienten und daher vor Verschleiß und Zerstörung geschützt waren.

Daunisches Trichtergefäß

Aus Nordapulien, 550–500 v. Chr. Aus der Sammlung Fontana, 1888 aus Berlin überwiesen
Die im Norden Apuliens lebenden Daunier entwickelten im 7. Jahrhundert v. Chr. eine eigentümliche handgeformte Keramik mit zweifarbigem, geometrischem Dekor. Besonders charakteristisch sind solche bauchigen Gefäße mit Trichterrand. Ob sie eine praktische oder eine rituelle Funktion hatten, ist umstritten. Möglicherweise dienten sie zur Aufbewahrung von Lebensmitteln.

Apulisch-rotfigurige Amphora

Um 330 v. Chr. Aus der Sammlung Fontana, 1888 aus Berlin überwiesen

Die Amphora, die auf der einen Seite eine sitzende, reichgeschmückte Frau und auf der anderen einen Frauenkopf zeigt, ist ein typisches Beispiel der massenhaft produzierten spätklassischen Keramik aus Apulien.

Die Deutung der Szenen und besonders der Einzelköpfe ist ungewiss. Die Gegenstände in den Händen der Frauen verweisen sowohl auf den weiblichen Bereich als auch auf Dionysos und seinen Kult, teils auch auf Rituale am Grab.

Die Vase hat keinen Boden, war also praktisch nicht
verwendbar.

Apulisch-rotfigurige Oinochoe

Um 320 v. Chr. Aus der Sammlung Fontana, 1888 aus Berlin überwiesen
Die elegant geformte Kanne ahmt Vorbilder aus Metall nach. Der stereotype Dekor ähnelt dem der neben- stehenden Amphora. Wie die meisten Vasen der Sammlung Fontana dürfte auch dieses Stück aus einem nordapulischen Grab stammen.

Attisch-schwarzfigurige Amphora

540–530 v. Chr., dem ‚Schaukelmaler‘ zugeschrieben Aus der Sammlung Fontana, 1888 aus Berlin überwiesen

Die Amphora ist eines der bedeutendsten Stücke der Göttinger Sammlung. Das Bild zeigt den Heros Triptolemos im Wagen, der der Menschheit die Gabe des Ackerbaus bringt, symbolisiert durch die Kornähren in seiner linken Hand. Es ist dies die älteste bekannte bildliche Darstellung dieses wichtigen Mythos. Auf der Rückseite des Gefäßes ist die häufige Szene eines Kriegerabschieds zu sehen.

Attisch-schwarzfigurige Amphora

530–520 v. Chr. Aus der Sammlung Fontana, 1888 aus Berlin überwiesen
Das Bild auf der Vorderseite zeigt Apollon beim Spiel auf seinem Saiteninstrument, der Kithara. Die Dreifüße und die Palme passen zu dem Gott, der auf der Insel Delos unter einer Palme geboren wurde. Die Rückseite zeigt einen schwerbewaffneten Krieger, wohl Achilleus, der häufig in dieser Haltung wieder- gegeben ist, wie er dem jungen Trojaner Troilos auf- lauert, bevor er ihn im Heiligtum des Apollon tötet.

Auswahl attischer Keramikfragmente

5. Jahrhundert v. Chr.

Karl Dilthey reiste regelmäßig nach Italien und erwarb dort neue Stücke für die Originalsammlung. 1892 und 1897 kaufte er bei dem in Rom ansässigen deutschen Archäologen und Antikenhändler Paul Hartwig insgesamt 228 Fragmente griechischer Vasen.
Hartwig war ein Pionier der ‚Meisterforschung‘, der Zuschreibung anonymer Gefäße an einzelne Vasenmaler aufgrund stilistischer Merkmale. Dazu wurden keine voll-ständigen Gefäße mehr benötigt, sondern es genügten signifikante Bruchstücke.

Aegyptiaca: Die Schenkung Brugsch

In Göttingen wurde 1867 der weltweit dritte Lehrstuhl für Ägyptologie geschaffen und mit dem Ägyptologen Heinrich Brugsch besetzt. Mit ihm kam 1868 eine große Sammlung an ägyptischen Objekten in das archäologisch-numismatische Institut.

Diese Sammlung besaß keine außergewöhnlichen Funde, sondern im besten Sinne Standardobjekte. Dabei handelt es sich vor allem um kleine Bronze-figuren von ägyptischen Gottheiten, Gefäße und Tonfiguren von Verstorbenen, sog. Uschebtis. Problematisch ist allerdings, dass es keine genauen Angaben zu den Fundkontexten gibt, was die wissenschaftliche Einordung der Objekte erschwert.

Uschebti

Grünglasierte Fayence; aus der Nekropole von Memphis; wohl 4./3. Jahrhundert vor Chr.

Uschebtis wurden in Gräbern und in anderen heiligen Orten deponiert und sollten die Anwesenheit von, häufig verstorbenen, Personen verkörpern, um bspw. als Arbeitskraft im Jenseits zu dienen. Die Person des Göttinger Exemplars kann durch die Hieroglyphen auf der Vorderseite als Kenut, Sohn des Tabtj identifiziert werden.

Uschebtis wurden in der Regel als Mumien dargestellt. Das Göttinger Exemplar besitzt zusätzlich eine dreigeteilte Perücke, einen Götterbart, eine Dechsel in der linken und eine Erdhacke in der rechten Hand.

Bronzestatuette des Osiris

Bronze; aus den Mumienschächten um die Pyramide von Saqqara; Datierung unsicher

Unter den bronzenen Miniaturdarstellungen von ägyptischen Gottheiten sind am häufigsten solche des Osiris – Gott des Jenseits und der Wiedergeburt. In der Regel wird er als Mumie mit Krummstab in der linken Hand und Geißel in der rechten Hand abgebildet. Auf seinem Haupt befindet sich die sog. Atef-Krone, welche die Herrschaft über Ober- und Unterägypten symbolisierte. Die Krone wird mit Straußenfedern an den Seiten dargestellt und wird an der Stirn mit der Uräusschlange als Schutzsymbol geschmückt.

Ostrakon

Kalkstein, aus Deir el Medineh (Theben); datiert auf das Jahr 1186 v. Chr.

Scherben (griech. Ostraka) von Stein- oder Tongefäßen wurden im Alten Ägypten z. B. für Schreibübungen und für Rechnungen oder juristische Texte genutzt. Das Göttinger Ostrakon ist eine Abrechnung für den Verkauf von Kupferabschnitten, einem Waschgefäß und einem Bronzewerkzeug.

Der Text ist in der Hieratischen Schrift verfasst. Im Gegensatz zu den Hieroglyphen, welche vorrangig auf Tempel- und Grabwänden als Monumentalschrift verwendet wurden, nutzte man die Hieratische Schrift als eine Art Schreibschrift, um auf Papyrus oder Ton- und Steinscherben zu schreiben.

Präkolumbianische Terrakotten aus Mexiko

Geschenk von Dr. Berger an Wieseler

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die ausschließliche Fokussierung der Archäologie auf die Klassische Antike und besonders auf die Griechen immer mehr durch eine pluralistischere Betrachtungsweise abgelöst. Auch andere Kulturen galten nun als erforschenswert.

Friedrich Wieseler nahm antike Objekte auch unter dem Aspekt der „vergleichenden Archäologie“ in die Originalsammlung auf. Dazu gehören diese Köpfchen und Miniaturstatuetten aus dem präkolumbianischen Mexiko.

Schliemanns Sammlung trojanischer Altertümer

1871 begann Heinrich Schliemann (1822–1890) seine epochemachenden Ausgrabungen auf dem Hügel von Hissarlik in der nordwestlichen Türkei. Seine Überzeugung, das Troja Homers freigelegt zu haben, sah er durch die reichen Funde bestätigt.

Diese schenkte er nach langem Überlegen dem Deutschen Reich zur Ausstellung in Berlin. Dort wurden nach seinem Tode etwa 7500 ‚Dubletten‘ ausgesondert und an 15 Museen und 20 Universitäten in ganz Deutschland verteilt.

Im Zuge dieser Aktion erhielt die Universität Göttingen 1902 insgesamt 472 Objekte aus der Troja-Grabung, hauptsächlich Gefäßscherben und Kleinfunde. Die Auswahl gibt einen guten Überblick über das Fund-spektrum, hauptsächlich aus der frühen Bronzezeit,
den Phasen Troja II–V (2500–1700 v. Chr.)

Echt oder falsch? Tanagrafiguren und verwandte Terrakotten

1870 wurden von Raubgräbern in den Friedhöfen der antiken Stadt Tanagra in Mittelgriechenland anmutige Tonstatuetten junger Mädchen aus dem späten 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. gefunden. Die große Nachfrage nach solchen ‚Tanagrafiguren‘ auf dem internationalen Kunstmarkt rief eine blühende Fälschungsindustrie ins Leben. Sie führte bald zum Zusammenbruch des überhitzten Marktes.

Als der Höhepunkt der Tanagramode bereits über-schritten war, begann Karl Dilthey um 1900 für das Göttinger Institut Terrakotten zu sammeln. Bei den Ankäufen half ihm der Kasseler Museumsdirektor Johannes Boehlau. Neben vielen eindeutig echten erwarben sie auch einige zweifelhafte Stücke.
Eine Altersbestimmung mit naturwissenschaftlichen Methoden könnte hier mehr Klarheit bringen.

Wieselers Erwerbungen von Gipsabgüssen

1844 zog die Gipssammlung in das 1837 eingeweihte Aulagebäude am Wilhelmsplatz um. Unter Wieselers langjähriger Leitung wuchs sie bis 1889 auf über 750 Abgüsse an.

Wie die meisten Archäologen seiner Zeit war Wieseler eher an Deutungs- als an Stilfragen interessiert. Das große Thema der Zeit war die ‚Kunstmythologie‘. Entsprechend häufig sind unter seinen Abguss-erwerbungen Darstellungen von Göttern und mytho-logischen Wesen, darunter auch solche, die in der späteren, vorwiegend stilgeschichtlich ausgerichteten Forschung kaum noch beachtet wurden.

Teilabguss einer Statue der Artemis

Original in München, Glyptothek Erworben 1869 von Wieseler aus München
Die nach ihrem früheren Aufbewahrungsort in Rom benannte „Artemis Braschi“ ist ein anspruchsvolles Werk aus dem 1. Jahr- hundert n. Chr., das Stilelemente verschiedener Epochen miteinander verbindet. Dadurch, dass der Abguss nur Kopf und Oberkörper der Statue wiedergibt, geht viel von der künstlerischen Wirkung des Originals verloren.

Teilabguss einer Statue der Muse Thalia

Original in Rom, Vatikanische Museen Erworben 1871 von Wieseler aus Wien
Die vollständige Skulptur stellt Thalia, die Muse der Komödie dar, auf einem Felsen sitzend und mit Theatermaske und anderen Attributen ausgestattet. Welchen Nutzen für Wieseler ein Abguss nur der Büste dieser stark ergänzten und überarbeiteten Skulptur hatte, bleibt fraglich.

Abguss einer Statuette des Caelus

Original in Berlin, Antikensammlung Erworben von Wieseler 1868 aus Berlin
Die Statuette eines hockenden bärtigen Mannes mit geblähtem Mantel wurde 1849 von Otto Jahn durch Vergleich mit röm-ischen Sarkophagbildern als Darstellung des Himmelsgotts Caelus erkannt. Seitdem scheint sie in der archäologischen Literatur nicht mehr näher behandelt worden zu sein.

Friedrich Wieseler

Bildnistondo von Friedrich Küsthardt (1830–1900) Marmor; geschaffen 1892 zu Wieselers 50-jährigem Professorenjubiläum 1904 dem Archäologischen Institut übereignet
Wieseler (1811–1892) setzte nach K. O. Müllers frühem Tod dessen Archäologie-Vorlesung fort und kümmerte sich vor allem um die Sammlungen – seit 1842 als außerordentlicher und seit 1854 als ordentlicher Professor für Archäologie. 1842 wurde das „Archäologisch-Numismatische Institut“ gegründet. Die Zahl der Gipsabgüsse verzehnfachte sich während Wieselers langen Wirkungszeit auf 750 Stücke. Die Sammlung antiker Originalwerke erweiterte er auf 1500 Objekte. Wieselers organisatorische Aktivitäten waren ein wichtiger Schritt zur institutionellen Loslösung der Archäologie von der Klassischen Philologie.