II.

Reisen und sammeln

Karl Otfried Müllers Antikensaal und der Beginn der Originalsammlung
Karl Otfried Müller, Gemälde von Carl Oesterley, 1830/1840, Privatbesitz
Karl Otfried Müller, Gemälde von Carl Oesterley, 1830/1840, Privatbesitz

Nach Heynes Tod sollte die in Göttingen begründete Tradition archäologischer Vorle- sungen nicht abreißen. Dazu wurde Friedrich Gottlieb Welcker (1785–1868) aus Gießen berufen. Er zog aber schon 1819 weiter an die neu gegründete Universität Bonn, wo er nach Göttinger Vorbild, aber mit viel mehr Geld eine umfangreiche Gipssammlung aufbaute. Sein Nachfolger war der erst 21-jährige Karl Otfried Müller (1797–1840), der rasch zu einem der führenden Köpfe der Göt- tinger Universität wurde. 1822 reiste er nach England und Frankreich, vor allem um die dorthin verbrachten Skulpturen vom Parthenon auf der Athener Akropolis zu studieren. 1829 gelang es ihm, Abgüsse dieser ‚Elgin Marbles‘ als Geschenk König Georgs IV. für die Göttinger Universität zu erhalten. Bereits 1823 hatte er die über das ganze Bibliotheksgebäude verstreuten Gipsabgüsse antiker Skulpturen in einem eigenen Saal im Erdgeschoss der umgebauten Paulinerkirche zusammengeführt und damit eine wirkliche Lehrsammlung geschaffen. In dem neuen Saal hielt Müller auch seine archäologische Vorlesung. 1830 veröffentlichte er sie als „Handbuch der Archäologie der Kunst“ und schuf damit das für lange Zeit maßgebliche Grundlagenwerk des jungen Faches. Die Hundertjahrfeier der Georg-August- Universität 1837 und das aus diesem Anlass errichtete Aulagebäude am Wilhelmsplatz wurden wesentlich von Müller mitgestaltet. Umso größer war seine Enttäuschung über die Amtsenthebung der „Göttinger Sieben“ kurz darauf, mit denen er sich solidarisch erklärte. 1839 begab Müller sich auf eine seit Langem geplante Forschungsreise nach Italien und nach Griechenland. Dort starb er überraschend am 1. August 1840.

Blumenbachs Gothaer Mumie

Schon 1781 erhielt die Göttinger Universität als Geschenk des dänischen Königs eine ägyptische Mumie samt Sarg. Sie wurde von Heyne zusammen mit einem Chemiker und zwei Medizinern eingehend untersucht und anschließend veröffentlicht. Einer der beiden Mediziner war Heynes jüngerer Kollege und Mitarbeiter am Academischen Museum Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), der in den folgenden Jahren zu einem der angesehensten Mumienexperten in Europa wurde. Er stammte aus Gotha und erhielt 1810 vom dortigen herzoglichen Hof eine weitere Mumie geschenkt.
Blumenbachs wissenschaftliche Notizen zu antiken Mumien und einige damit zusammenhängende ägyptische Fundobjekte befinden sich heute im Archäologischen Institut.

Ägyptischer Mumiensarg

Holz, Stuck, Farbe; genauer Fundort nicht bekannt; um 330–200 vor Chr.

Der ägyptische Sarg mit Mumie wurde zunächst im Jahr 1789 von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg von einer bankrotten Freimaurerloge aus Hamburg erworben. Nachdem Blumenbach die Mumie 1810 als Geschenk erhalten hatte, nutzte er diese für naturwissenschaftlichen Untersuchungen, welche sich vor allem um die Einbalsamierungs- und Mumifizierungstechniken drehten.
Blumenbach, der 1840 starb, vermachte den Sarg der Universität Göttingen. Später ging er an das Archäologisch-Numismatische Institut, die Mumie selbst befindet sich heute in der Anthropologischen Sammlung der Universität Göttingen. 2022 wurde der Sarg in Dresden restauriert. Die Bemalung ist dadurch wieder besser erkennbar geworden.

Gothaer Mumie

Die Mumie, die sich im hier gezeigten Sarg befand, wird heute in der Sammlung der Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie des Johann-Friedrich-Blumenbach-Instituts für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen aufbewahrt. Die anthropologische Untersuchung der Mumie und die Röntgenaufnahmen ergaben, dass es sich um eine Frau handelt, die im Alter von etwa 35 bis 40 Jahren verstarb.

Materialsammlung Blumenbachs zu Mumien

Blumenbachs umfangreiche Materialsammlung zum Thema Mumien zeigt, dass er sich nicht nur für die naturwissenschaftlichen, sondern auch für die kultur- und religionsgeschichtlichen Aspekte der ägyptischen Mumifizierungspraxis interessierte. In der Liste führt er, nach Aufbewahrungsorten sortiert, alle Mumien auf, die ihm bekannt geworden sind. Die Abbildungen beziehen sich auf eine Mumie im Besitz des Grafen von Erbach.

Archäologische Funde im Academischen Museum

Vereinzelt gelangten bereits zu Heynes und Blumenbachs Zeit archäologische Funde in das Academische Museum. Teils handelt es sich um ägyptische Objekte, die beim Auswickeln von Mumien gefunden wurden, teils um kleine Steinproben berühmter Bauwerke und Skulpturen. Sie wurden bei den Mineralien eingeordnet, ebenso wie eine Sammlung von Fragmenten antiker Glasgefäße. Vieles stammte aus Blumenbachs Privatbesitz und wurde von ihm dem Academischen Museum geschenkt.

Karl Otfried Müllers Antikensaal

Die gotische Paulinerkirche diente seit 1734 als Universitätskirche. 1808–12 wurde sie für die Universitätsbibliothek umgebaut und eine Zwischendecke eingezogen. Im Obergeschoss wurden die Bücher historischen Inhalts, aber auch einige der von Heyne erworbenen Abgüsse antiker Statuen aufgestellt. Das zunächst ungenutzte Untergeschoss des ehemaligen Chorraumes ließ Karl Otfried Müller 1823 zu einem geräumigen „Antikensaal“ ausbauen. Hier wurden ältere und neu erworbene Abgüsse aufgestellt, darunter die Venus von Milo und die 1830 angekommenen ‚Elgin Marbles‘ aus London. Vor ihnen hielt Müller seine Archäologie-Vorlesung. Bereits 1844 zog die archäologische Sammlung in das neue Aula-Gebäude am Wilhelmsplatz um. Der Antikensaal wurde nun als Bibliotheksmagazin genutzt.

Entwurf für den Antikensaal

Lavierte Federzeichnung von Justus Heinrich Müller, 1823 Leihgabe Universitätsarchiv Göttingen

Der in Kassel geborene Architekt Justus Heinrich Müller (1783–1825) hatte seit 1811 in Göttingen das Amt des Universitätsbaumeisters inne. In dieser Funktion leitete er den Umbau der Paulinerkirche zur Bibliothek und entwarf 1823 auch den Antikensaal im Erdgeschoss des ehemaligen Chors. Sein Entwurf zeigt das Bemühen, die gotischen Formen der Kirche mit den Anforderungen eines Raumes zu verbinden, der der klassischen Antike gewidmet war.

Antrag Karl Otfried Müllers auf Einrichtung eines Antikensaals in der Paulinerkirche, 22.6.1823

Leihgabe Universitätsarchiv Göttingen

In seinem Schreiben an das Universitätskuratorium berichtet Müller zunächst über die glückliche Ankunft der Venus von Milo und der übrigen in Paris bestellten Gipsabgüsse in Göttingen. Er verbindet diesen Bericht mit der Bitte, den unteren Teil des ehemaligen Chors der Paulinerkirche, der „jetzt völlig unbenutzt ist und wüst liegt“, in einen Saal für Gipsabgüsse und für seine archäologische Vorlesung umzubauen.

Kostenvoranschlag für die Herrichtung des Antikensaals, 10.8.1823

Universitätsarchiv Göttingen (Reproduktion)

Bevor K. O. Müllers Antrag genehmigt wurde, musste der Universitätsbaumeister einen Kostenvoranschlag vorlegen. Darin wird jedes Detail der Raumausstattung genau aufgeführt und entspricht (bis auf eine verein-fachte Ausführung der Westwand des Saales) der Entwurfszeichnung.

Die hier auf 787 Reichstaler veranschlagten Kosten beliefen sich am Ende der Umbauarbeiten auf 863 Reichstaler.

Abguss eines Reliefs vom Amazonensarkophag

Original in Wien, Kunsthistorisches Museum

Der Amazonensarkophag wurde auf Zypern entdeckt und gehört zur seltenen Gattung griechischer Reliefsarkophage aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. Schon im 17. Jahrhundert gelangte er in die kaiserliche Sammlung in Wien.
Müller konnte Abgüsse der Reliefs aus Paris erwerben, weil der Sarkophag wie so viele andere Kunstwerke aus ganz Europa auf Befehl Napoleons nach Paris gebracht worden war. Nach der Rückgabe des Originals behielt man dort eine Abgussform zurück. Aus ihr wurde 1823 diese Kopie hergestellt und zusammen mit Abgüssen der Venus von Milo und einiger kleinerer Reliefs nach Göttingen geliefert.
Dass es in der Bibliothek an freien Wänden zum Aufhängen der Reliefs fehlte, war für Müller eines der Argumente, um die Notwendigkeit eines eigenen Antikensaals zu begründen.

Karl Otfried Müller und Carl Oesterley

Denkmäler der Alten Kunst, Theil 1

Göttingen 1835

Aus Müllers Archäologie-Vorlesung, die er nach Fertigstellung des Antikensaals dort direkt vor den Abgüssen halten konnte, ging 1830 das erste ernstzunehmende Handbuch der Archäologie hervor. Es hatte großen Erfolg und erlebte mehrere Neuauflagen.
Seit 1835 gab Müller ein zugehöriges Abbildungswerk heraus, das in Einzellieferungen erschien und erst lange nach seinem Tod von Friedrich Wieseler zu Ende geführt wurde. Die Illustrationen schuf der Göttinger Maler und Professor für Kunstgeschichte Carl Oesterley (1805–1891). Als Vorlagen nutzte er auch die in Göttingen vorhandenen Gipsabgüsse, z. B. von den Parthenon-Skulpturen.

Karl Otfried Müller

Handbuch der Archäologie der Kunst

Breslau 1830

Computeranimierte Rekonstruktion des Antikensaals

Rekonstruktion: Karolin Kallina Animation: Martin Langner
Bedingt durch den Umbau zum Bibliotheksmagazin und durch Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs, ist von der Ausstattung und von der einstigen Raumwirkung des Antikensaals in der Göttinger Paulinerkirche heute vor Ort nichts mehr erkennbar. Die Computeranimation beruht auf der Entwurfszeichnung des Universitätsbaumeisters J. H. Müller. Zeitgenössische Ansichten des Saales nach seiner Fertigstellung liegen nicht vor. Auch über die genaue Anordnung der dort ausgestellten Abgüsse ist nichts bekannt.

Die Abgüsse der ‚Elgin Marbles‘ 1829/30

Auf seiner Reise nach London hatte K. O. Müller 1822 die wenige Jahre zuvor für das Britische Museum erworbenen Skulpturen von der Athener Akropolis, die sog. Elgin Marbles, ausführlich studiert. Besonders interessierte ihn der Haupttempel, der 446–431 v. Chr. errichtete Parthenon. Müller bemühte sich intensiv um Abgüsse der wichtigsten Stücke für die Göttinger Universität. 1829 war es so weit: Als Geschenk des englischen Königs Georg IV. wurde eine reiche Auswahl von Giebelfiguren und Reliefplatten nach Göttingen gesandt. Da die Weser im Winter vereist war, gelangte die kostbare Fracht erst im März 1830 an ihr Ziel und wurde in dem von Müller eingerichteten Antikensaal in der Paulinerkirche aufgestellt.

Abguss des Pferdekopfes aus dem Gespann der Selene im Ostgiebel des Parthenon auf der Athener Akropolis​

Original in London, Britisches Museum, um 440 v. Chr.

Der Pferdekopf wird hier stellvertretend für die umfangreiche Serie von Abgüssen der Elgin Marbles gezeigt, die 1830 nach Göttingen kamen und im ‚Parthenonsaal‘ der Göttinger Abguss-Sammlung (Hauptgebäude, 2. OG) ausgestellt sind. In seiner Mischung von Natürlichkeit und Monumentalität zählt der Kopf zu den eindrucksvollsten und berühmtesten Parthenon-Skulpturen. Goethe schrieb 1823, hier habe „der Künstler eigentlich ein Urpferd geschaffen“, dargestellt „im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit“.

Abgüsse der Parthenonskulpturen

Von langer Hand vorbereitet, gelang Karl Otfried Müller 1829 ein großer Coup. Der britisch-hannoversche König Georg IV. schenkte der Universität Göttingen Abgüsse der wichtigsten Skulpturen vom Parthenon auf der Athener Akropolis. Sie befanden sich seit 1816 im Britischen Museum in London. Nach langer Reise über Nordsee und Weser kamen die Abgüsse im April 1830 wohlbehalten in Göttingen an: sechs Figuren aus dem Ost- und zwei aus dem Westgiebel, zwei Metopen und ein großer Teil des Ostfrieses mit der Darstellung der Götterversammlung. Müller ließ sie im ‚Antikensaal‘ im Chor der Paulinerkirche aufstellen und hielt vor ihnen seine Archäologie-Vorlesung. Keine andere deutsche Universität konnte damals mit Abgüssen der Parthenonskulpturen aufwarten. Aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich das rasch. Damit Göttingen nicht allzu sehr ins Hintertreffen geriete, wurden 1913 aus den Mitteln der ‚Körte-Spende‘ sechs weitere Ostgiebel- und eine Westgiebelskulptur, sechs Metopen und mehrere Friesplatten erworben. In den Oberlichtsälen des kurz zuvor eingeweihten Institutsneubaus kam dieser reiche Bestand an alten und neuen Parthenon-Abgüssen optimal zur Geltung.

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Müllers archäologische Reise 1839/40

Besonders interessierten Müller die einzelnen „Stämme“ der Griechen, deren unterschiedliche Lebensformen, Mentalitäten und religiösen Kulte er in engem Zusammenhang mit den von ihnen bewohnten Landschaften sah. Deshalb war es für ihn besonders wichtig, diese Landschaften selbst kennenzulernen.
Im Spätsommer 1839 konnte er endlich zu einer großen, einjährigen Forschungsreise aufbrechen, die ihn zu-nächst nach Italien führte. Ende März reiste er weiter nach Griechenland, in ein damals erst seit Kurzem unabhängiges und noch wenig erforschtes Land.
Im Juli 1840 kam er nach Delphi, wo er sogleich mit ersten Ausgrabungen begann, jedoch ernsthaft erkrankte. Erst 42jährig, starb er am 1. August 1840 in Athen.

Tempelruine von Korinth, und Akrokorinth von der Nordseite (12. Mai 1840)

Federzeichnung von Georg Friedrich Neise

Neise zeichnete den damals noch nicht komplett ausgegrabenen südlichen Teil des Apollon-Tempels vor der Kulisse von Akrokorinth. Einige seiner Bleistiftskizzen hat er (möglicherweise erst nach der Rückkehr aus Griechenland) mit der Feder nachgezeichnet, um einige Staffagefiguren bereichert und mit Rahmung und Bildunterschrift versehen.

Kopf der Gorgo Medusa

Athen, Akropolismuseum; farbig lavierte Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Neise, 14.4.1840
Der Gorgonenkopf gehört zu einem tönernen Stirnziegel von einem unbekannten Bauwerk auf der Akropolis aus dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. Bei seiner Auffindung erregte er wegen der gut erhaltenen kräftigen Farben Aufsehen.

Grabrelief der Melis und des Antiphanes

Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Neise, 7.5.1840
Das um 350 v. Chr. in Athen entstandene Relief zeigt wohl Mutter und Sohn. Müller sah es im Haus des königlichen Hofmarschalls Sutzos und ließ es von Neise zeichnen. Im späten 19. Jh. verlieren sich die Spuren des Reliefs, sein heutiger Aufbewahrungsort ist unbekannt.

Thronende Athena

Bleistiftzeichnung von Georg Friedrich Neise, 14.4.1840
Das von dem Bildhauer Endoios um 525 v. Chr. geschaffene Marmor-Sitzbild ist die älteste bekannte Statue der Athena. In der Antike war sie auf der Athener Akropolis nahe beim Erechtheion aufgestellt. Um 1823 wurde sie aus einer spätantiken Mauer geborgen und in die Propyläen gebracht. Dort entstand Neises Zeichnung, die Müller mit einigen Kommentaren versehen hat.

Delphi, von der Westseite

Federzeichnung von Georg Friedrich Neise
Auch dieses Blatt gehört zur Serie der in Tusche ausgeführten Reinzeichnungen. Die Bleistiftvorlage entstand am 21.7.1840. Sie gibt Neises Blick von Südwesten auf das Dorf Kastri über den Ruinen von Delphi und auf die Felswände der Phaidriaden wieder. Links unten sieht man einen westlich gekleideten Herrn mit Hut und Buch, dem ein Einheimischer in griechischer Tracht und mit langer Flinte die Landschaft zeigt – allenfalls eine indirekte Anspielung auf Müller und seine Mitreisenden. Sie sind auf keinem von Neises über 200 Blättern erkennbar dargestellt.

Müllers Reiseerwerbungen, Grundlage der Originalsammlung

Auf seiner Reise stand Müller nicht nur der Etat der Münzsammlung für zwei Jahre in Höhe von 100 Talern zur Verfügung, sondern auch eine Sonderbewilligung von 200 Talern für den Ankauf von Originalen. Um 1840 reichten Gipsabgüsse als Lehrmittel nicht mehr aus, da nun Vasen, Bronzen und Terrakotten immer stärker ins Blickfeld der Archäologie rückten.
Müller kaufte nur wenige und eher unbedeutende Stücke in Italien, wohl in der Absicht, das Geld für den Erwerb wichtigerer Stücke in Griechenland aufzusparen. Als er ganz unerwartet starb, war daher nur ein gutes Viertel der verfügbaren Mittel ausgegeben. Doch der Grund war gelegt für die bald rasch anwachsende Originalsammlung.

Auswahl von Erwerbungen Müllers von verschiedenen Orten in Italien und Griechenland

Müller hat insgesamt 18 antike Tongefäße erworben, fast durchweg sehr unscheinbare Stücke. Für sich selbst sammelte er auf der Reise vor allem Gesteinsproben und Architekturfragmente, z. T. aus dem Nachlass des englischen Archäologen Edward Dodwell, dessen Witwe er in Rom kennenlernte. 1856 gingen diese in den Besitz der Universität über, desgleichen der kleine marmorne Athletenkopf mit seltsamer Buckellockenfrisur, den Müller in Argos, einem Zentrum der von ihm so verehrten dorischen Kultur, vermutlich als Geschenk erhalten hatte.

Nachahmung einer rotfigurigen Oinochoe im Stil attischer Vasen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr.

Die kleine rofigurig dekorierte Weinkanne ist kein antikes Original, sondern eine moderne Nachahmung. Die wissenschaftliche Erforschung der griechischen Vasenmalerei hatte um 1840 gerade erst begonnen, gefördert durch reiche Funde in den Gräbern Etruriens. Die Kanne soll Müller in Tarquinia erworben haben. Sie zeigt drei Frauen, von denen eine ein Schmuckkästchen in Händen hält. Es ist mit den Initialien C O verziert, der aufgeklappte Deckel vielleicht mit einem M. Vermutlich handelt es sich um ein persönliches Geschenk für C[arl] O[tfried] M[üller], nicht um einen betrügerischen Verkauf. In der Göttinger Sammlung galt das Gefäß allerdings bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als echt.

Apulischer Glockenkrater

Hergestellt in Tarent, um 330 v. Chr.
Das kleine Weinmischgefäß stammt wohl aus einem süditalischen Grabfund und befand sich in Blumenbachs Privatbesitz, bevor es in die archäologische Originalsammlung kam. Vermutlich ist es die erste griechische Vase, die nach Göttingen gelangte. Eine Seite zeigt die seltene Darstellung eines Zitterrochens.
Abbildungen naturhistorischer Gegenstände, 6tes Heft Göttingen 1802

Johann Friedrich Blumenbach

Leihgabe der SUB Göttingen, Sign.: 8 H NAT l, 855:5/10 RARA
Blumenbach veröffentlichte das von ihm zu den „altetruscischen“ Vasen gezählte Gefäß zusammen mit dem Exemplar eines echten Zitterrochens im Academischen Museum. Die heute als Gefleckter Zitterrochen (Torpedo torpedo) bezeichnete Art interessierte ihn vor allem wegen ihrer elektrischen Eigenschaften. Er erhoffte sich von ihrer Erforschung grundsätzliche Einsichten in das Phänomen der Elektrizität.

Friedrich Gottlieb Welcker

Bildnis-Herme von Bernhard Afinger (1813–1882) Original aus Marmor
Abguss von Welcker der Göttinger Universität geschenkt

Geschaffen 1859 zu Welckers 50-jährigem Professorenjubiläum.

Welcker (1784–1868) wurde 1816 aus Gießen, wo er eine Professur für griechische Literatur und Archäologie bekleidete, nach Göttingen berufen. Er hatte einige Jahre in Rom gelebt und dort eng mit Heynes archäologischem Lieblingsschüler Georg Zoëga zusammengearbeitet. In Göttingen setzte er Heynes Vorlesung fort und gründete das erste archäologische Fachorgan, die Zeitschrift für Geschichte und Auslegung der alten Kunst, die allerdings nur ein Jahr lang bestand. 1819 zog Welcker weiter an die neue Universität Bonn, wo er auch Archäologie lehrte, die Universitätsbibliothek leitete und eine Sammlung von Gipsabgüssen nach Göttinger Vorbild aufbaute.

Karl Otfried Müller

Bildnisbüste von Alexander Tondeur (1829–1905)
Abguss 1900 erworben
Müller (1897–1840) wurde 1819 als Nachfolger Welckers nach Göttingen berufen und wurde dort rasch einer der führenden Professoren der Universität. Als Archäologe war er ebenso herausragend wie als Philologe und Althistoriker. Auf einer großen Studienreise nach Italien und Griechenland, bei der er auch erste originale Antiken für die Universität erwarb, starb er überraschend im 43. Lebensjahr. Das Bildnis entstand fast 60 Jahre nach Müllers frühem Tod und war Teil des Gipsmodells für eine Statue in der Vorhalle des Alten Museums in Berlin.