I.

Wie alles begann

Christian Gottlob Heyne und die Begründung der Archäologie als Universitätsfach
Christian Gottlob Heyne, Gemälde von Johann Heinrich Tischbein d. Ä., 1772, Kunstbesitz der Universität Leipzig, Inv.-Nr. 0280/90
Christian Gottlob Heyne, Gemälde von Johann Heinrich Tischbein d. Ä., 1772, Kunstbesitz der Universität Leipzig, Inv.-Nr. 0280/90

1763 wurde Christian Gottlob Heyne (1729–1812) auf den Lehrstuhl für „Poesie und Beredsamkeit“ an die Universität Göttingen berufen. Sein Organisationstalent machte ihn rasch zu einem ihrer einflussreichsten Professoren, der die Geschicke der noch jungen Universität in den folgenden 50 Jahren entscheidend mitbestimmen sollte.

Wissenschaftlich bemühte Heyne sich um ein ganzheitliches historisches Verständnis der antiken Kulturen. Aufmerksam verfolgte er das Wirken Johann Joachim Winckelmanns in Rom, dessen „Geschichte der Kunst des Alterthums“ (1764) das Antikenstudium revolutionierte. Wie Winckelmann sah Heyne die Beschäftigung mit der Kunst der Griechen als wichtigste Aufgabe der Archäologie. Dafür gab es an den Universitäten noch kein Lehrangebot. Diese Lücke füllte Heyne mit seiner seit 1767 regelmäßig abgehaltenen Göttinger Archäologie-Vorlesung.

Bereits 1763 hatte Heyne mit der Erwerbung archäologischen Anschauungsmaterials begonnen, zunächst in Form von Gemmen-Abdrücken, seit 1765 auch in Form großformatiger Gipsabgüsse. Er ließ sie in der Universitätsbibliothek aufstellen, deren Direktor er war, um damit den Schönheitssinn der Studenten anzuregen. Am Ende seiner langen Amtszeit verteilten sich über 70 Abgüsse antiker Statuen und Büsten über die gesamten Bibliotheksräume.

1773 wurde auf Heynes Betreiben das umfangreiche Kunst- und Naturalienkabinett des Göttinger Professors Christian Wilhelm Büttner für die Universität erworben, Grundstock für das berühmte „Königlich Academische Museum“. Dazu gehörte auch eine große Münzsammlung, die in den folgenden Jahren vor allem durch Geschenke des deutsch-russischen Barons von Asch stark vermehrt werden konnte.

Erwerbung Nr. 1: Die Lippert‘sche Daktyliothek

Sammlung der Gipsabgüsse, Inv.-Nr. A 885
1763 wurde Heyne nach Göttingen berufen. Fachlich war er eigentlich für lateinische und griechische Texte zuständig. Doch gleich nach seiner Ankunft beantragte er die Anschaffung einer umfangreichen Sammlung bildlich gestalteter Objekte: der dreibändigen Lippert-schen Daktyliothek, einer Sammlung von über 3000 Abdrücken antiker oder im antiken Stil gestalteter Gemmen. Der Antrag wurde umgehend bewilligt. Damit beginnt die Geschichte der archäologischen Sammlungen an der Universität Göttingen.
Philipp Daniel Lippert

Dactyliotheca Universalis

Band 1–3, Dresden 1755–1762, erworben 1763
Archäologische Sammlung, Inv.-Nr. A 885
Sammlung der Gipsabgüsse, Inv.-Nr. A 885
Gemmen, mit Reliefs verzierte Schmucksteine, waren für Sammler, Forscher und Liebhaber im 18. Jahrhundert der wichtigste Zugang zur antiken Bildkultur. Abdrücke der Gemmen aus Schwefel und anderen Materialien wurden in sogenannten Daktyliotheken zusammengestellt. Die Daktyliothek des Dresdner Künstlers Philipp Daniel Lippert (1702–1785) war besonders systematisch aufgebaut. 1776 folgte noch ein vierter Band, so dass sie schließlich über 4000 Abdrücke umfasste.
Philipp Daniel Lippert

Dactyliothecae universalis signorum exemplis nitidis redditae chilias altera quae et scrinium milliarium secundum

Leipzig 1756, Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 4 ARCH III, 3165 

Zu seiner Daktyliothek ließ Lippert lateinische Kataloge erscheinen. Die ersten beiden Bände redigierte der Leipziger Professor Johann Friedrich Christ. Nachdem er 1755 gestorben war, übernahm sein Schüler Heyne den Auftrag für den dritten Band. Dies war Heynes erster beruflicher Kontakt mit archäologischen Objekten und antiken Bildern.

Antike und neuzeitliche Gemmen; Karneol in moderner Ringfassung

Gemmen wurden in Ringen getragen und bestanden aus verschiedenen Steinsorten oder Glas. Oft ist das Motiv im Negativ und wegen Äderungen im Stein nur schwer erkennbar. Ein Abdruck macht die Bilder oft deutlicher sichtbar. Für das neuzeitliche Gemmenstudium waren
Abdrücke daher unentbehrlich. 

Heynes Archäologie-Vorlesung

Eine Bildungsreise durch Europa und insbesondere nach Rom (‚Grand Tour‘) gehörte für den europäischen Adel im 18. Jahrhundert zum guten Ton. Es war wichtig, die berühmten Werke der antiken Architektur und Skulptur selbst gesehen zu haben und kompetent darüber sprechen zu können. Genau dieses Bedürfnis und diese Zielgruppe hatte Heyne im Sinn, als er 1767 damit begann, einen regelmäßig wiederholten Vorlesungszyklus über die antike Kunst anzubieten. Die angehenden Reisenden wollte er damit zu „gelehrten Kennern“ ausbilden und mit den Sammlungen und Werken bekannt machen, die sie auf ihrer Reise sehen sollten. Er selbst war in seinem langen Leben nie in Italien. Heynes Göttinger Archäologie-Vorlesungen waren ein großer Erfolg – und ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Entstehung des Universitätsfaches Archäologie.
Christian Gottlob Heyne

Einleitung in das Studium der Antike, oder Grundriß einer Anführung zur Kenntniß der alten Kunstwerke

Göttingen und Gotha o. J. [1772] Leihgabe der SUB Göttingen, Sign. 8 ARCH I, 511

Die schmale Broschüre ist die einzige von Heyne selbst publizierte Fassung seiner Archäologie-Vorlesung. Sie gibt eine stichpunktartige Übersicht über die Gliederung des Stoffes und diente wohl auch als Werbeschrift zu der Veranstaltung, für die eine relativ hohe Teilnahmegebühr zu entrichten war.

Einleitung ins Studium der Antike, vorgetragen von Chr. Gottl. Heyne, Göttingen im Sommer 1803

Mitschrift von Heynes Vorlesung über die Archäologie von Christian August Hoffmann (1783–1855), Student der Theologie aus Darmstadt Leihgabe aus Privatbesitz

Die Mitschriften seiner Studenten sind heute die wichtigste Quelle zu Heynes Archäologie-Vorlesung. Sie geben Aufschluss darüber, dass er den Fokus auf noch vorhandene antike Kunstwerke und Kunstsammlungen legte, um seine Hörer auf ihre Bildungsreisen vorzubereiten. Bloß schriftlich überlieferte Werke treten demgegenüber in den Hintergrund.
Allerdings spielen auch die Stilepoche, die J. J. Winckelmann in seiner „Geschichte der Kunst“ definiert hatte, in Heynes Vorlesung kaum eine Rolle. Die Kunstwerke werden nach inhaltlichen Gesichtspunkten geordnet.

„Gypsköpfe u. Büsten auf der Bibl[iothek]“

Handschriftliche Liste Chr. G. Heynes
Heyne listet die 18 ersten Gipsabgüsse auf, die 1765 auf Vermittlung Rudolf Erich Raspes nach Göttingen gekommen sind und in der Universitätsbibliothek aufgestellt wurden. 12 der damals angeschafften Abgüsse sind noch heute erhalten. 7 davon geben Originale wieder, die heute verschollen sind. Auch die konservatorische Behandlung durch Tränkung mit einem „Fürniß“ 1771 und deren Kosten werden vermerkt.

Die Sammlung Büttner und die Gründung des Münzkabinetts

Christian Wilhelm Büttner, Gemälde eines unbekannten Künstlers, 1781, Kunstsammlung der Universität Göttingen, Inv.-Nr. GG 260
Foto Katharina Anna Haase, 2019. Alle Rechte vorbehalten.

1773 konnten für die Universität die umfangreichen Sammlungen des Göttinger Professors Christian Wilhelm Büttner (1716–1801) erworben werden. Unter der Bezeichnung „Königlich Academisches Museum“ wurden sie zu einer öffentlich zugänglichen Einrichtung und damit Vorbild für viele spätere Universitätsmuseen. Neben Tausenden von vorwiegend naturkundlichen Objekten hatte Büttner auch eine Vielzahl von Münzen und Medaillen gesammelt. Für deren Aufbewahrung ließ Heyne zwei große eicherne Münzschränke anfertigen und im Academischen Museum aufstellen – Grundstock des heutigen Münzkabinetts.

Römische Silberdenare aus der Sammlung Büttner

1773 für das Academische Museum erworben

Anders als für die naturkundlichen Gegenstände gibt es für die Münzen der Sammlung Büttner kein zeitgenössisches Inventar. Es existiert nur eine kurze Liste, mit der sich lediglich einige wenige Stücke sicher identifizieren lassen, darunter eine Reihe von römischen Goldmünzen. Fast 200 Silberdenare aus der Zeit der römischen Republik wurden von Heyne 1777/78 in drei lateinischen Abhandlungen veröffentlicht.

Spanische und portugiesische Münzen aus der Sammlung Büttner

Ein Schwerpunkt von Büttners Münzsammlung lag auf neuzeitlichen Prägungen aus Europa und Übersee. Zu den wenigen Stücken, die sich eindeutig seiner Sammlung zuweisen lassen, gehören Gold- und Silbermünzen aus Spanien und Portugal sowie deren südamerikanischen Kolonien.

Die russischen Schenkungen des Barons von Asch

Baron Georg Thomas von Asch, Gemälde von Kirill Ivanovic Golovacevskij, 1780, Kunstsammlung der Universität Göttingen, Inv.-Nr. GG 135
Der Sankt Petersburger Mediziner Georg Thomas von Asch, der in Göttingen studiert hatte, blieb seiner Universität eng verbunden und bedachte sie jahr- zehntelang mit einer Fülle von wissenschaftlichen Geschenken von naturkundlichem, ethnographischem und historischem Interesse. Dazu gehörten auch häufige Sendungen von Münzen und Medaillen sowohl aus Russland als auch aus dem islamischen Raum. Vor allem die russischen Prägungen bilden einen wert- vollen Sonderbestand innerhalb des Göttinger Münz- kabinetts, wie ihn kaum eine andere Sammlung in Deutschland besitzt.

Silberner Rubel Iwans VI., St. Petersburg, 1741

Geschenk des Barons von Asch
Baron von Asch schenkte der Universität Göttingen fast 500 russische Münzen und 350 Medaillen. Darunter sind Seltenheiten wie dieser Rubel des braunschweigischen Prinzen Johann, der 1740 im Alter von zwei Monaten als Iwan VI. auf den Zarenthron gehoben, aber schon im Jahr darauf abgesetzt und eingekerkert wurde. Nach 23jähriger Haft wurde er 1764 kurz nach dem Regierungsantritt Katharinas II. ermordet. Sein Andenken wurde ausgelöscht. Münzen mit seinem Portrait sind daher recht selten.

Kupferne Bartmarke Peters des Großen, 1705

Geschenk des Barons von Asch
Im Zuge seiner Modernisierungspolitik verbot Peter der Große seinen männlichen Untertanen das Tragen der traditionellen Vollbärte. Ausnahmen wurden nur gegen Entrichtung einer Sondersteuer gestattet. Wer die Summe bezahlt hatte, erhielt eine Bartmarke und konnte sich damit bei polizeilichen Kontrollen ausweisen.

Medaille auf Baron von Asch in Silber und Kupfer sowie eiserner Prägestempel für die Vorderseite, 1781

Geschenk des Barons von Asch
Prägestempel, Archäologische Sammlung, Inv.-Nr. AS-Ru-294 a
Unter den zahlreichen Portrait-Medaillen aus Aschs Schenkungen ist auch diese, die sein eigenes Bildnis trägt und von ihm selbst in Auftrag gegeben wurde. Die Rück- seite zeigt Hygieia, die Göttin der Gesundheit, und spielt an auf die Pest im russischen Heer, die während des Türkenkriegs im Donaudelta 1770 ausgebrochen war. An ihrer Bekämpfung hatte von Asch als Generalstabsarzt erfolgreich mitgewirkt. Mit der Beischrift LIBERATOR A PESTE rühmt er sich selbst als „Befreier von der Pest“. Weil Katharina II. Medaillenprägungen durch Privatleute nicht duldete, wurde von Asch zur Rechenschaft gezogen und die Einschmelzung aller Exemplare angeordnet. Die hier gezeigten Stücke waren jedoch bereits samt Präge- stempel nach Göttingen gelangt und sind so dem Ver- nichtungsbefehl der Zarin entgangen.

Auswahl von orientalischen Münzen

Geschenk des Barons von Asch
Neben den russischen Medaillen und Münzen, die der Baron von Asch dem Göttinger Münzkabinett übereignet hat, nehmen die von ihm geschenkten orientalischen Münzen einen ebenso bedeutenden Platz in der heutigen Sammlung ein.

Bildnis des Kaisers Titus

Abguss nach dem Bronzekopf in Herrenhausen
Titus regierte nur zwei Jahre (79–81 n. Chr.), galt aber als einer der wenigen ‚guten‘ Herrscher in der Reihe der zwölf Kaiser. Wie andere Köpfe der Reihe zeigt er einen Lorbeerkranz, dessen Blätter durchweg in die gleiche Richtung, anstatt beidseitig vom Nacken zur Stirn verlaufen – ein untrügliches Zeichen der nachantiken Entstehung dieses Portraits.

Bildnis des Kaisers Vitellius

Abguss nach dem Bronzekopf in Herrenhausen

In der frühen Neuzeit waren Galerien der ersten zwölf römischen ‚Caesaren‘ von Julius Caesar († 44 v. Chr.) bis Domitian († 96 n. Chr.) sehr beliebt, deren Leben der antike Historiker Sueton in effektvoller Weise geschildert hatte. Auch ein Kaiser wie Vitellius, der 69 n. Chr. nur wenige Monate regierte, durfte in der Reihe nicht fehlen.

Bildnis des Lucius Cornelius Sulla

Abguss nach dem Bronzekopf in Herrenhausen
Der erzkonservative Politiker und Feldherr Sulla war einer der Hauptakteure der späten römischen Republik. Wie die meisten Göttinger Gipse wurde auch dieser Abguss in den 1980er Jahren mit weißer Farbe übersprüht. Nachdem dieser Überzug jetzt wieder entfernt wurde, wird nachvollziehbar, warum Heyne sich 1771 über die zerbröselnde Oberfläche der Gipse beklagte und sie zur Festigung mit einem „Fürniß“ tränken ließ. Der originale Kopf in Herrenhausen ging zusammen mit einigen weiteren Stücken der Serie in napoleonischer Zeit verloren.

Bildnis des Kaisers Galba

Abguss nach dem Bronzekopf in Herrenhausen

Galba war einer der drei Kaiser des Jahres 68/69 n. Chr., die sich nach dem Tod des Nero um die Macht stritten und nach wenigen Monaten ermordet wurden. Er berief sich auf altrömische Werte und wurde in der Portraitgalerie aus Herrenhausen als hagerer Greis darstellen. Als Vorlage für diese barocke Portraitschöpfung dienten wohl Münzbilder des Galba.

Johann Joachim Winckelmann

Bildnisbüste von Friedrich Wilhelm Doell (1750–1816)

Original aus Marmor; Gotha, Schloss Friedenstein, Abguss von Heyne 1785 für die Göttinger Universitätsbibliothek erworben.

Winckelmann (1717–1768) lebte seit 1755 in Rom. Dort verfasste er sein Hauptwerk, die „Geschichte der Kunst des Altertums“ (1764). Mit seiner geschichtlichen Darstellung der Kunstentwicklung legte er die Grundlagen für die späteren Fächer Kunstgeschichte und Klassische Archäologie. Winckelmann stand mit Christian Gottlob Heyne in Göttingen in Briefkontakt und regte diesen zu seiner Archäologie-Vorlesung an. Zu Heynes frühen Erwerbungen von Gipsabgüssen zum Schmuck der Universitätsbibliothek gehörte auch dieser Abguss der Büste Winckelmanns.

Christian Gottlob Heyne

Bildnis-Herme von Johann Christian Ruhl (1764–1842), vor 1800

Heyne (1729–1812) war seit 1763 Professor für „Poesie und Beredsamkeit“ und Direktor des Philologischen Seminars an der Universität Göttingen. Zugleich war er Leiter der Universitätsbibliothek und Sekretär der heutigen Akademie der Wissenschaften. Er hatte großen Einfluss auf die Göttinger Universitätspolitik. Mit seiner von 1767 bis 1804 fast in jedem Sommersemester gehaltenen Vorlesung über die Archäologie wurde er zum Begründer dieses Universitätsfaches. Das Bildnis zeigt den schon siebzigjährigen Gelehrten nach der Mode der Zeit in antiker Manier mit vollem, in die Stirn gekämmten Haupthaar und ohne Gewandung.