II.
Reisen und sammeln
Nach Heynes Tod sollte die in Göttingen begründete Tradition archäologischer Vorle- sungen nicht abreißen. Dazu wurde Friedrich Gottlieb Welcker (1785–1868) aus Gießen berufen. Er zog aber schon 1819 weiter an die neu gegründete Universität Bonn, wo er nach Göttinger Vorbild, aber mit viel mehr Geld eine umfangreiche Gipssammlung aufbaute. Sein Nachfolger war der erst 21-jährige Karl Otfried Müller (1797–1840), der rasch zu einem der führenden Köpfe der Göt- tinger Universität wurde. 1822 reiste er nach England und Frankreich, vor allem um die dorthin verbrachten Skulpturen vom Parthenon auf der Athener Akropolis zu studieren. 1829 gelang es ihm, Abgüsse dieser ‚Elgin Marbles‘ als Geschenk König Georgs IV. für die Göttinger Universität zu erhalten. Bereits 1823 hatte er die über das ganze Bibliotheksgebäude verstreuten Gipsabgüsse antiker Skulpturen in einem eigenen Saal im Erdgeschoss der umgebauten Paulinerkirche zusammengeführt und damit eine wirkliche Lehrsammlung geschaffen. In dem neuen Saal hielt Müller auch seine archäologische Vorlesung. 1830 veröffentlichte er sie als „Handbuch der Archäologie der Kunst“ und schuf damit das für lange Zeit maßgebliche Grundlagenwerk des jungen Faches. Die Hundertjahrfeier der Georg-August- Universität 1837 und das aus diesem Anlass errichtete Aulagebäude am Wilhelmsplatz wurden wesentlich von Müller mitgestaltet. Umso größer war seine Enttäuschung über die Amtsenthebung der „Göttinger Sieben“ kurz darauf, mit denen er sich solidarisch erklärte. 1839 begab Müller sich auf eine seit Langem geplante Forschungsreise nach Italien und nach Griechenland. Dort starb er überraschend am 1. August 1840.
Blumenbachs Gothaer Mumie
Schon 1781 erhielt die Göttinger Universität als Geschenk des dänischen Königs eine ägyptische Mumie samt Sarg. Sie wurde von Heyne zusammen mit einem Chemiker und zwei Medizinern eingehend untersucht und anschließend veröffentlicht. Einer der beiden Mediziner war Heynes jüngerer Kollege und Mitarbeiter am Academischen Museum Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), der in den folgenden Jahren zu einem der angesehensten Mumienexperten in Europa wurde. Er stammte aus Gotha und erhielt 1810 vom dortigen herzoglichen Hof eine weitere Mumie geschenkt.
Blumenbachs wissenschaftliche Notizen zu antiken Mumien und einige damit zusammenhängende ägyptische Fundobjekte befinden sich heute im Archäologischen Institut.
Ägyptischer Mumiensarg
Der ägyptische Sarg mit Mumie wurde zunächst im Jahr 1789 von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg von einer bankrotten Freimaurerloge aus Hamburg erworben. Nachdem Blumenbach die Mumie 1810 als Geschenk erhalten hatte, nutzte er diese für naturwissenschaftlichen Untersuchungen, welche sich vor allem um die Einbalsamierungs- und Mumifizierungstechniken drehten.
Blumenbach, der 1840 starb, vermachte den Sarg der Universität Göttingen. Später ging er an das Archäologisch-Numismatische Institut, die Mumie selbst befindet sich heute in der Anthropologischen Sammlung der Universität Göttingen. 2022 wurde der Sarg in Dresden restauriert. Die Bemalung ist dadurch wieder besser erkennbar geworden.
Gothaer Mumie
Materialsammlung Blumenbachs zu Mumien
Archäologische Funde im Academischen Museum
Karl Otfried Müllers Antikensaal
Entwurf für den Antikensaal
Der in Kassel geborene Architekt Justus Heinrich Müller (1783–1825) hatte seit 1811 in Göttingen das Amt des Universitätsbaumeisters inne. In dieser Funktion leitete er den Umbau der Paulinerkirche zur Bibliothek und entwarf 1823 auch den Antikensaal im Erdgeschoss des ehemaligen Chors. Sein Entwurf zeigt das Bemühen, die gotischen Formen der Kirche mit den Anforderungen eines Raumes zu verbinden, der der klassischen Antike gewidmet war.
Antrag Karl Otfried Müllers auf Einrichtung eines Antikensaals in der Paulinerkirche, 22.6.1823
In seinem Schreiben an das Universitätskuratorium berichtet Müller zunächst über die glückliche Ankunft der Venus von Milo und der übrigen in Paris bestellten Gipsabgüsse in Göttingen. Er verbindet diesen Bericht mit der Bitte, den unteren Teil des ehemaligen Chors der Paulinerkirche, der „jetzt völlig unbenutzt ist und wüst liegt“, in einen Saal für Gipsabgüsse und für seine archäologische Vorlesung umzubauen.
Kostenvoranschlag für die Herrichtung des Antikensaals, 10.8.1823
Bevor K. O. Müllers Antrag genehmigt wurde, musste der Universitätsbaumeister einen Kostenvoranschlag vorlegen. Darin wird jedes Detail der Raumausstattung genau aufgeführt und entspricht (bis auf eine verein-fachte Ausführung der Westwand des Saales) der Entwurfszeichnung.
Die hier auf 787 Reichstaler veranschlagten Kosten beliefen sich am Ende der Umbauarbeiten auf 863 Reichstaler.
Abguss eines Reliefs vom Amazonensarkophag
Der Amazonensarkophag wurde auf Zypern entdeckt und gehört zur seltenen Gattung griechischer Reliefsarkophage aus dem 4. Jahrhundert vor Chr. Schon im 17. Jahrhundert gelangte er in die kaiserliche Sammlung in Wien.
Müller konnte Abgüsse der Reliefs aus Paris erwerben, weil der Sarkophag wie so viele andere Kunstwerke aus ganz Europa auf Befehl Napoleons nach Paris gebracht worden war. Nach der Rückgabe des Originals behielt man dort eine Abgussform zurück. Aus ihr wurde 1823 diese Kopie hergestellt und zusammen mit Abgüssen der Venus von Milo und einiger kleinerer Reliefs nach Göttingen geliefert.
Dass es in der Bibliothek an freien Wänden zum Aufhängen der Reliefs fehlte, war für Müller eines der Argumente, um die Notwendigkeit eines eigenen Antikensaals zu begründen.
Denkmäler der Alten Kunst, Theil 1
Aus Müllers Archäologie-Vorlesung, die er nach Fertigstellung des Antikensaals dort direkt vor den Abgüssen halten konnte, ging 1830 das erste ernstzunehmende Handbuch der Archäologie hervor. Es hatte großen Erfolg und erlebte mehrere Neuauflagen.
Seit 1835 gab Müller ein zugehöriges Abbildungswerk heraus, das in Einzellieferungen erschien und erst lange nach seinem Tod von Friedrich Wieseler zu Ende geführt wurde. Die Illustrationen schuf der Göttinger Maler und Professor für Kunstgeschichte Carl Oesterley (1805–1891). Als Vorlagen nutzte er auch die in Göttingen vorhandenen Gipsabgüsse, z. B. von den Parthenon-Skulpturen.
Computeranimierte Rekonstruktion des Antikensaals
Die Abgüsse der ‚Elgin Marbles‘ 1829/30
Abguss des Pferdekopfes aus dem Gespann der Selene im Ostgiebel des Parthenon auf der Athener Akropolis
Der Pferdekopf wird hier stellvertretend für die umfangreiche Serie von Abgüssen der Elgin Marbles gezeigt, die 1830 nach Göttingen kamen und im ‚Parthenonsaal‘ der Göttinger Abguss-Sammlung (Hauptgebäude, 2. OG) ausgestellt sind. In seiner Mischung von Natürlichkeit und Monumentalität zählt der Kopf zu den eindrucksvollsten und berühmtesten Parthenon-Skulpturen. Goethe schrieb 1823, hier habe „der Künstler eigentlich ein Urpferd geschaffen“, dargestellt „im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit“.
Abgüsse der Parthenonskulpturen
Von langer Hand vorbereitet, gelang Karl Otfried Müller 1829 ein großer Coup. Der britisch-hannoversche König Georg IV. schenkte der Universität Göttingen Abgüsse der wichtigsten Skulpturen vom Parthenon auf der Athener Akropolis. Sie befanden sich seit 1816 im Britischen Museum in London. Nach langer Reise über Nordsee und Weser kamen die Abgüsse im April 1830 wohlbehalten in Göttingen an: sechs Figuren aus dem Ost- und zwei aus dem Westgiebel, zwei Metopen und ein großer Teil des Ostfrieses mit der Darstellung der Götterversammlung. Müller ließ sie im ‚Antikensaal‘ im Chor der Paulinerkirche aufstellen und hielt vor ihnen seine Archäologie-Vorlesung. Keine andere deutsche Universität konnte damals mit Abgüssen der Parthenonskulpturen aufwarten. Aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich das rasch. Damit Göttingen nicht allzu sehr ins Hintertreffen geriete, wurden 1913 aus den Mitteln der ‚Körte-Spende‘ sechs weitere Ostgiebel- und eine Westgiebelskulptur, sechs Metopen und mehrere Friesplatten erworben. In den Oberlichtsälen des kurz zuvor eingeweihten Institutsneubaus kam dieser reiche Bestand an alten und neuen Parthenon-Abgüssen optimal zur Geltung.
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Müllers archäologische Reise 1839/40
Besonders interessierten Müller die einzelnen „Stämme“ der Griechen, deren unterschiedliche Lebensformen, Mentalitäten und religiösen Kulte er in engem Zusammenhang mit den von ihnen bewohnten Landschaften sah. Deshalb war es für ihn besonders wichtig, diese Landschaften selbst kennenzulernen.
Im Spätsommer 1839 konnte er endlich zu einer großen, einjährigen Forschungsreise aufbrechen, die ihn zu-nächst nach Italien führte. Ende März reiste er weiter nach Griechenland, in ein damals erst seit Kurzem unabhängiges und noch wenig erforschtes Land.
Im Juli 1840 kam er nach Delphi, wo er sogleich mit ersten Ausgrabungen begann, jedoch ernsthaft erkrankte. Erst 42jährig, starb er am 1. August 1840 in Athen.
Tempelruine von Korinth, und Akrokorinth von der Nordseite (12. Mai 1840)
Neise zeichnete den damals noch nicht komplett ausgegrabenen südlichen Teil des Apollon-Tempels vor der Kulisse von Akrokorinth. Einige seiner Bleistiftskizzen hat er (möglicherweise erst nach der Rückkehr aus Griechenland) mit der Feder nachgezeichnet, um einige Staffagefiguren bereichert und mit Rahmung und Bildunterschrift versehen.
Kopf der Gorgo Medusa
Grabrelief der Melis und des Antiphanes
Thronende Athena
Delphi, von der Westseite
Müllers Reiseerwerbungen, Grundlage der Originalsammlung
Auf seiner Reise stand Müller nicht nur der Etat der Münzsammlung für zwei Jahre in Höhe von 100 Talern zur Verfügung, sondern auch eine Sonderbewilligung von 200 Talern für den Ankauf von Originalen. Um 1840 reichten Gipsabgüsse als Lehrmittel nicht mehr aus, da nun Vasen, Bronzen und Terrakotten immer stärker ins Blickfeld der Archäologie rückten.
Müller kaufte nur wenige und eher unbedeutende Stücke in Italien, wohl in der Absicht, das Geld für den Erwerb wichtigerer Stücke in Griechenland aufzusparen. Als er ganz unerwartet starb, war daher nur ein gutes Viertel der verfügbaren Mittel ausgegeben. Doch der Grund war gelegt für die bald rasch anwachsende Originalsammlung.
Auswahl von Erwerbungen Müllers von verschiedenen Orten in Italien und Griechenland
Müller hat insgesamt 18 antike Tongefäße erworben, fast durchweg sehr unscheinbare Stücke. Für sich selbst sammelte er auf der Reise vor allem Gesteinsproben und Architekturfragmente, z. T. aus dem Nachlass des englischen Archäologen Edward Dodwell, dessen Witwe er in Rom kennenlernte. 1856 gingen diese in den Besitz der Universität über, desgleichen der kleine marmorne Athletenkopf mit seltsamer Buckellockenfrisur, den Müller in Argos, einem Zentrum der von ihm so verehrten dorischen Kultur, vermutlich als Geschenk erhalten hatte.
Nachahmung einer rotfigurigen Oinochoe im Stil attischer Vasen des späten 5. Jahrhunderts v. Chr.
Apulischer Glockenkrater
Johann Friedrich Blumenbach
Friedrich Gottlieb Welcker
Abguss von Welcker der Göttinger Universität geschenkt
Geschaffen 1859 zu Welckers 50-jährigem Professorenjubiläum.
Welcker (1784–1868) wurde 1816 aus Gießen, wo er eine Professur für griechische Literatur und Archäologie bekleidete, nach Göttingen berufen. Er hatte einige Jahre in Rom gelebt und dort eng mit Heynes archäologischem Lieblingsschüler Georg Zoëga zusammengearbeitet. In Göttingen setzte er Heynes Vorlesung fort und gründete das erste archäologische Fachorgan, die Zeitschrift für Geschichte und Auslegung der alten Kunst, die allerdings nur ein Jahr lang bestand. 1819 zog Welcker weiter an die neue Universität Bonn, wo er auch Archäologie lehrte, die Universitätsbibliothek leitete und eine Sammlung von Gipsabgüssen nach Göttinger Vorbild aufbaute.
Karl Otfried Müller
Abguss 1900 erworben

















